Wo ein Wille ist, ist ein Weg

Mit 30 Jahren begab sich N‘gnowa Edwige Becoin auf den Weg, ihren ganz persönlichen Lebensweg. Der sollte alles andere als bequem werden und sie manchmal sehr nahe an ihre existentiellen Grenzen bringen. Aber sie ging ihn, wie man einen Pilgerweg geht: bis zum Ziel.

In ihrer Heimat Elfenbeinküste wuchs sie in gesicherten Verhältnissen auf, in der Schule war sie fleißig und mit 15 Jahren sprach sie neben den lokalen Sprachen Koulango und Agni, auch Französisch, Englisch und Spanisch. Später arbeitete sie als Krankenschwester und führte ein geregeltes Leben – bis sie den Impuls verspürte, Europa zu entdecken. Sie bereiste England und Deutschland und entgegen jeder Wahrscheinlichkeit entschied sie sich, ihr Leben in Deutschland fortzusetzen. Obwohl sie kein einziges Wort Deutsch sprach!

Aber sie hatte sich in den Kopf gesetzt, es zu schaffen und fegte alle Einwände, Schwierigkeiten und Hürden aus dem Weg. Mit ihrer offenen, freundlichen Art, ihrer positiven Lebenseinstellung und dem Ziel vor Augen, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, machte sie unbeirrt weiter. Die Ausbildung zur Krankenpflegerin, die sie in der Elfenbeinküste erfolgreich abgeschlossen hatte, wurde in Deutschland leider nicht anerkannt, sodass sie hier nicht mehr als einen Hauptschulabschluss besaß. So fing sie wieder von vorne an, lernte Deutsch, machte ihre Zertifikate A1, A2, B1, B2 und lernte Fahrrad zu fahren. Dann ging sie auf die Berufsschule und machte ihren Abschluss als Sozialassistentin. Vor der Schule jobbte sie, wofür sie um 4 Uhr morgens aufstand und mit dem Fahrrad durch halb Berlin zur Arbeit fuhr.

Um ihren Alltag bewältigen zu können, schöpft sie Kraft aus ihrem christlichen Glauben. In Berlin fand sie Anschluss an die evangelische Gemeinde Greater Grace. Dort findet sie ihren Frieden und fühlt sich vollkommen angenommen und akzeptiert, so wie sie ist, ohne Einschränkung.

Mittlerweile lebt Edwige schon viele Jahre mit ihrem Mann Kobenan in Hohenschönhausen und ist glücklich, dort zu sein. Auch Streitigkeiten unter Nachbarn konnte sie bisher selbst regeln, in dem sie offen und tolerant auf die Menschen zuging. Sie mag es überhaupt nicht, sich zu beschweren. Aber in einem Fall, in dem sie allein keinen Schritt weiterkam, holte sie sich im KIEZCONTAINER Hilfe. Gilles und Frank konnten erfolgreich vermitteln und die Fronten glätten. Darüber freut sie sich bis heute.

Ihr Beruf als Altenpflegehelferin erfüllt sie. Aber obwohl sie sehr gern mit älteren Menschen arbeitet, ist ihr Drang, sich weiterzuentwickeln, immer noch stark. Da ihr auch die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen am Herzen liegt, macht sie zur Zeit eine berufsbegleitende Ausbildung als Heilerziehungspflegerin, die sie 2022 abschließen wird.

Während einige ihrer Landsleute denken, es sei ganz einfach, in Deutschland viel Geld zu verdienen, kennt Edwige die Realität. Sie hat für ihre Karriere gekämpft und ist stolz auf das, was sie erreicht hat. Die Früchte ihrer Erfahrung will sie jetzt teilen und hat ein großes Projekt auf die Beine gestellt: den Bau des Pflegeheims „Maison Wollenberg“ in ihrer Heimat, im Osten der Elfenbeinküste. Sie möchte den Menschen helfen, in Würde alt werden zu dürfen, denn viele fallen durch das soziale Raster, weil sie mittellos sind oder aufgrund einer Behinderung am Rande der Gesellschaft stehen.

Jan. 2021 – Karina Holme Nielsen

Foto: privat