Noch jung an Jahren doch reich an Erfahrung

Nach mehr als fünf Jahren voller Ungewissheiten, vielen Wohnortwechseln und ohne sichere Zukunftsperspektive hat der 16-jährige Mahmoud sein neues Zuhause in Hohenschönhausen bei der HOWOGE gefunden. Endlich wieder mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester vereint, ist seine neue Wohnung so etwas wie der Ankunftsort nach einer Odyssee.

Mahmoud stammt aus Zabadani, einer Stadt im Südwesten Syriens, unweit der Grenze zum Libanon und rund 40 Kilometer von der Hauptstadt Damaskus entfernt. Der Ort liegt in 1.100 m Höhe in einem fruchtbaren Tal mit guter Luft, umrahmt von schneebedeckten Bergen im Winter. Zabadani war zu Friedenszeiten ein beliebtes Ausflugsziel mit vielen Hotels und Restaurants.

Im syrischen Bürgerkrieg wurde die Stadt jedoch heftig umkämpft und nahezu vollständig zerstört. Zahllose Fassbomben und Panzerraketen gingen auf den Ort nieder, hinterließen komplette Häuserzeilen in Trümmern und forderten eine hohe Zahl ziviler Opfer. Trotz der katastrophalen Lage versuchte Mahmoud‘s Familie in Zabadani zu überleben. Der Vater ließ etwas außerhalb der Stadt ein neues, größeres Haus bauen, aber die Situation verschlechterte sich weiter: ununterbrochene Bombenangriffe, Leid und Elend überall um sie herum, an Arbeit war nicht mehr zu denken und schließlich ging der ursprünglich wohlhabenden Familie das Geld aus. Sie mussten fliehen und alles hinter sich lassen. In das neugebaute Haus zogen sie nie ein.

Sie flohen ins benachbarte Libanon. Von dort aus ermöglichten seine Eltern Mahmoud und seinem Onkel, sich ins weit entfernte Deutschland zu retten. Ihre Route war mit vielen Gefahren gesäumt. Das überladene Boot, das sie von der Türkei nach Griechenland bringen sollte, füllte sich nach nur 500 Metern mit Wasser und sie mussten zur türkischen Küste zurückschwimmen. Schließlich gelang ihnen die Überfahrt auf einem anderen Boot und sie erreichten Berlin im Oktober 2015, nach einer langen und aus Sicht des 11-jährigen Mahmoud abenteuerlichen Reise.

In Berlin trennten sich ihre Wege und Mahmoud wechselte zwischen verschiedenen Unterkünften, wobei er sich sehr gerne an eine Wohngruppe erinnert, die für den 12-jährigen zu einer Art Familienersatz wurde. Mit der Zeit lernte er sich in der anfangs fremden Umgebung zu orientieren und größtenteils selber für sich zu sorgen, bis seine Eltern nach drei langen Jahren endlich aus dem Libanon nachkommen konnten.

Knapp zwei Jahre nach seiner Ankunft in Berlin durfte er endlich in die Schule gehen. Deutsch hatte er bis dahin bruchstückhaft von den Sicherheitskräften gelernt. In der Schule holte er schnell auf, wobei ihm die Grammatik nicht immer leicht fiel, aber er ist ein motivierter Schüler und lernt gewissenhaft. Mittlerweile besucht er die 9. Klasse an einer Spandauer Oberschule, seine Noten sind gut und er strebt das Abitur an. Mahmoud schätzt sich glücklich, dass er zu keinem Zeitpunkt aufgrund seiner Herkunft anders behandelt oder gemobbt wurde. Wahrscheinlich helfen ihm seine Freundlichkeit, seine Hilfsbereitschaft, sein Optimismus und seine höfliche Art dabei.

Mit seinen 16 Jahren hat der junge Mahmoud schon viel geschultert und eine große Portion Eigenverantwortung entwickelt. So hat er, der als einziger in seiner Familie fließend Deutsch spricht, zum Beispiel auch die Wohnungssuche selbständig organisiert. Um keine Wohnungsangebote zu verpassen, nutzte er monatelang jeden freien Moment, jede Schulpause usw., um über sein Handy Besichtigungstermine zu organisieren. Nach zahlreichen Besichtigungen klappte es endlich und sie zogen in ihre eigene Familienwohnung in Hohenschönhausen. Hier fühlt sich Mahmoud wohl, ihm gefällt, dass er mit Menschen aus der ganzen Welt in Kontakt kommt und alle Nachbarn, die er bisher kennen gelernt hat, sehr nett zu ihm sind.

Feb. 2021 – Karina Holme Nielsen

Foto: privat