Seine Pyramiden sind nicht aus Pappe

Als Zeitzeuge der ersten Stunde hat Fritz alles miterlebt: vom ersten Spatenstich für den Bau seiner zukünftigen Wohnung in der Anna-Ebermann-Straße im Jahr 1975 bis hin zur Wandlung der Siedlung zu einem multikulturellen Kiez, von der Entwicklung der ersten Robotron-Computer im benachbarten Rechenzentrum, über das Ende der DDR und die Wende bis hin zum dreifachen Wechsel der Wohnungsbaugesellschaft.

Vor 45 Jahren zog Fritz mit seiner Familie in eine Wohnung, die damals im Tunnelschalverfahren errichtet wurde: eine Bauweise, die es ermöglichte, innerhalb von drei Tagen ein ganzes Geschoss zu bauen. Die gesamte Wohnung besteht aus einem einzigen, 12 Meter tiefen und 6 Meter breiten Baukörper. Dabei war der Balkon bereits ein fester Bestandsteil und wurde nicht später nachgerüstet, wie bei vielen anderen Plattenbauten. Am Anfang musste er über Paletten laufen um seine Wohnung zu erreichen und das Badezimmer war nicht gefliest – das erledigte er selbst. Technisch und handwerklich begabt war er ja.

Ursprünglich wollte er Schlosser werden, aber es sollte anders kommen. Als er mit 14 Jahren in die Lehre ging, musste Fritz seine ländliche Heimat in der Uckermark verlassen. Da es an den Orten, wo er seinen Traumberuf hätte erlernen können, keinen Wohnheimplatz für ihn gab, kam er an die Greizer Lehranstalt in Thüringen, wo er als einer der Letzten den Beruf Papiermacher von der Pike auf erlernte. Papier in all seinen Formen sollte ihn sein gesamtes berufliches Leben lang begleiten: vom handgeschöpften Bütten bis hin zur Industriekartonage. Fritz ist aber auch ein Allroundtalent der sowohl das Papier herstellen, als auch mit viel technischem Verstand und Improvisationstalent die Maschinen reparieren konnte, wenn sie kaputt waren.

Noch bevor er ins Rentenalter kam, entdeckte Fritz eine neue Beschäftigung, in die seine Leidenschaft für Detailarbeit einfließen konnte und in der er große Erfüllung findet: mit viel Geduld und Akribie stellt er aufwändige Weihnachtspyramiden her, die den Vergleich mit ihren Verwandten aus dem Erzgebirge in keinster Weise zu scheuen brauchen. In einer einzelnen Weihnachtspyramide steckt im Schnitt mehr als ein Jahr Arbeit. Basierend auf den Originalvorlagen aus dem Erzgebirge werden die einzelnen Bauteile aus dünnem Sperrholz ausgesägt, geschliffen, mehr als 1.700 Löcher (!) gebohrt, anschließend zusammengesetzt, geklebt und die Figuren gedrechselt. Seine Pyramiden stehen hoch im Kurs und sein Auftragsbuch ist bereits für die nächsten Jahre voll!

Langweilig wird ihm also nicht, aber auch deshalb, weil er gerne aufmerksam durch seinen Kiez spaziert und Neues entdeckt, wie z. B. den KIEZCONTAINER. Jetzt weiß er, dass er sich bei Fragen oder Problemen an Gilles und Frank wenden kann.

Fritz erinnert sich gern an die „alten Zeiten“, an das nachbarschaftliche Miteinander und an die jährlichen Subbotniks (gemeinsame Aktionen der Hausgemeinschaft, um im Frühjahr die Gemeinflächen zu verschönern, Müll wegzuräumen, etc). Die meisten seiner ehemaligen Nachbarn sind weggezogen und natürlich ist das Zusammenleben mit Menschen verschiedener Kulturen manchmal anstrengend, aber Fritz ist jemand, der sich grundsätzlich für die anderen interessiert und auf sie zugeht. Wenn sein syrischer Nachbar seine Teppiche über das Geländer hängt, spricht Fritz ihn freundlich an und sagt, warum es ihn stört. Damit ist die Sache geklärt und ein kleiner Schritt für ein besseres Miteinander ist getan.

 

Jan. 2021 – Karina Holme Nielsen

Foto: K. Holme Nielsen